markusweingardt.jpg Referent: Dr. Markus Weingardt
Religion Macht Frieden
- Zum Friedenspotenzial von Religionen in Gewaltkonflikten

Mittwoch, 29. Januar 2014, 20.00 Uhr, Albert-Knapp-Haus Ellmendingen

Bericht vom Abend

Um zu verstehen, warum uns Religion so häufig im Kontext von Konflikt und Gewalt begegnet, muss man wissen, wie Konflikte funktionieren, so der Friedens- und Konfliktforscher Dr. Markus Weingardt zu Beginn seines Vortrags. Er erläuterte den Unterschied und die Mechanismen von Interessenkonflikten und Wertekonflikten. Bei Interessenkonflikten geht es um dasselbe Interesse zweier oder mehr Personen bzw. Parteien, das aber nur eine durchsetzen kann. Interessenkonflikte führen natürlich auch oft zu Auseinandersetzungen, zu Gewalt oder zu Krieg, aber im Prinzip sind sie offen für Kompromisse. Viel schwieriger ist das bei Wertekonflikten. Da geht es nämlich um Ideen, um Haltungen, um Überzeugungen, um Anschauungen, Weltanschauungen oder auch Gottesanschauungen, es geht um Wahrheiten. Und da kann es schwerlich Kompromisse geben. Wertekonflikte rühren an das Innerste, an die Identität und darum sind sie so anfällig für Eskalationen. Mobilisierbarkeit, Gewalt- und Opferbereitschaft sind in Wertekonflikten viel größer als bei Interessenkonflikten. Das haben die Mächtigen und Herrschenden auch schon vor Jahrtausenden erkannt und ihre Interessenkonflikte in Wertekonflikte transformiert. Eine ganz besonders effektive Methode hierfür sind die Religionen, weil es in religiös aufgeladenen Konflikten um gut und böse geht, um das Gute und das Böse schlechthin.

Natürlich gab und gibt es Kreuzzüge, den Dschihad und religiös motivierte Auseinandersetzungen. Auf der anderen Seite gibt es in allen Religionen Überlieferungen, Traditionen und Textstellen, die Gewalt verurteilen und Gewaltlosigkeit fordern. Die berühmtesten Friedensstifter auf dieser Welt wie Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder der Dalai Lhama waren und sind hochpolitische Akteure und zugleich religiöse Persönlichkeiten. Das hat Markus Weingardt motiviert, ähnliche religiös motivierte Friedensstifter zu finden. Für sein Buch „Religion Macht Frieden“ trug er 40 Fallstudien zusammen, in denen religiöse Akteure auf höchster politischer Ebene zu Friedensstiftern und Versöhnern wurden. Einige dieser Beispiele stellte er an diesem Abend vor.

Bei dem grausamen Bürgerkrieg in Mosambik in den achtziger Jahren mit einer Million Toten und fünf bis sechs Millionen Flüchtlingen waren mehrere Vermittlungsversuche, darunter auch der UNO, gescheitert. Der katholische Bischof Gonçalves und die Laienbewegung Sant'Egidio erreichten nach zwei Jahren Verhandlungen die Unterzeichnung eines umfangreichen und detaillierten Friedensvertrages. Im Jahr 1994 haben in Ruanda Angehörige des Stammes der Hutus innerhalb von 100 Tagen bis zu einer Million Tutsis und gemäßigte Hutus umgebracht. Im christlichsten Land Afrikas haben Christen auf Christen eingeschlagen. Die Muslime, 10% der Bevölkerung, haben sich nicht an der Gewalt beteiligt. Im Gegenteil, sie haben sich der Gewalt enthalten und aktiv für Frieden gearbeitet. Sie haben an ihren Schulen mit Erfolg Programme aufgelegt, die die Jugendlichen gegen Gewalt immunisieren sollten. Die Flüchtlinge haben sie versteckt, ihnen in den Moscheen Zuflucht gegeben und sie mit Nahrung versorgt. Der ehemalige philippinische Diktator Marcos wurde in den achtziger Jahren durch die sogenannte Rosenkranzrevolution gestürzt. Den gewaltlosen Widerstand der Bevölkerung führten Ordensleute und Priester an. Als sich die Situation zuspitzte und es auf einen Bürgerkrieg hinauslief, standen sie in Manila in vorderster Reihe der zwei Millionen versammelten Menschen, die sich der Armee entgegen stellten. Und es waren religiöse Elemente, die ganz wesentlich dazu beitrugen, dass die Situation nicht eskalierte: Gottesdienste, die in dieser Massendemonstration abgehalten und Kirchenlieder, die gesungen wurden. Kruzifixe oder Heiligenbilder, die mitgeführt wurden, an denen die Leute sich orientieren konnten, die ihnen Kraft gaben, diese Anspannung aus- und die Gewaltlosigkeit durchzuhalten, auch als die Gewehrkugeln über ihre Köpfe geschossen wurden und man Kampfhubschrauber kreisen ließ, um die Massen zu provozieren. In den siebziger Jahren haben Pol Pot und die Roten Khmer ein Viertel der Bevölkerung Kambodschas ermordet und in den Tod getrieben. Pol Pots erklärtes Ziel war, den Buddhismus in Kambodscha völlig auszurotten. Fast alle Klöster und Tempel wurden zerstört oder entweiht, Mönche und Nonnen wurden ermordet und vertrieben. Als die Schreckensherrschaft beendet war, war das Land dreigeteilt und es herrschte noch Bürgerkrieg. Der buddhistische Mönch Maha Ghosananda machte es sich zum Ziel, den Buddhismus in Kambodscha wieder aufzubauen. Er begann, Klöster und Tempel wieder zu errichten, Mönche und Nonnen zu gewinnen und die religiösen Zentren immer auch als soziale und caritative Zentren zu gestalten. Ein besonders wichtiges Element seiner Friedensarbeit, der Dhammayietra - ein dreiwöchiger Friedens- und Pilgermarsch - wird noch heute jedes Jahr durchgeführt. Diese Friedensbewegung hat sich in den letzten dreißig Jahren in Kambodscha zu einer nachhaltigen moralischen und politischen Kraft entwickelt. Vor dreißig Jahren wäre es beinahe zu einem Krieg unkalkulierbaren Ausmaßes zwischen Argentinien und Chile gekommen. Streitpunkt war der 150km lange Grenzverlauf am Beagle-Kanal, der Meeresverbindung zwischen Atlantik und Pazifik. Als die argentinischen Truppen schon zum Einmarsch in Chile bereitstanden, schickte Papst Johannes Paul II. in letzter Minute Kardinal Samorè als Sondergesandten. Diesem gelang in zweijährigen Verhandlungen die Verhinderung dieses Krieges.

Markus Weingart erinnerte auch an die deutsch/französische Freundschaft nach dem Zweiten Weltkrieg, die maßgeblich durch den protestantischen Pastor Frank Buchmann eingeleitet und vorangetrieben wurde. Die als die großen Versöhner geltenden Adenauer und De Gaulle haben in ihren Memoiren das Wirken des Pastors sehr hoch bewertet. Und er wies auf die Wende in der ehemaligen DDR hin, die ohne die Evangelische Kirche nicht – zumindest nicht so friedlich - zustande gekommen wäre.

Warum waren diese Vermittler erfolgreich? Sie waren erfolgreich, weil sie geeignet waren und akzeptiert wurden, von beiden Konfliktparteien. Nach der Einschätzung des Referenten gibt es dafür drei Merkmale. Vermittler müssen eine entsprechende Sach- und Fachkompetenz mitbringen. Sie müssen den Konflikt kennen und Methoden der Konfliktbearbeitung beherrschen. Zweite Voraussetzung ist Glaubwürdigkeit, sie müssen glaubwürdig sein in Wort und Tat. Das dritte Merkmal dieser Friedensstifter ist die Nähe zum Konflikt, die Verbundenheit mit den Betroffenen. Und das Schlüsselwort zu allem ist Vertrauen. Religiöse Akteure genießen einen Vertrauensbonus.

Das Fazit des Referenten: Religionen haben unbestreitbar ein Konfliktpotenzial, da gibt es nichts zu verharmlosen oder kleinzureden, aber sie haben auch ein großes Friedenspotenzial. Und das sollte u.a. von der Politik viel mehr genutzt werden.

Wenn es so viel Versöhnungspotenzial und Eintreten für Frieden und Gewaltlosigkeit der Religionen gibt, warum spiegelt sich das nicht in der öffentlichen Wahrnehmung wieder? Zum Einen liegt es daran, wie oben bereits erläutert, dass die Mächtigen häufig ihre Interessenkonflikte in religiös aufgeladene Wertekonflikte transformieren und zum anderen es für die Medien wesentlich einfacher ist, über Gewalt zu berichten als über Gewaltlosigkeit. Ein Selbstmordattentäter bringt mehr Aufmerksamkeit als eine Million Gewaltlose.

Das Buch „Religion Macht Frieden“ kann zum Preis von 1Euro (zzgl. Portokosten) bei der Bundeszentrale für politische Bildung bestellt werden.


Links:


Religion Macht Frieden

Evangelische Landeskirche in Baden - Friedensethik

Stiftung Weltethos

Religion [m]acht Frieden, e-politik.de

Stiftung Weltethos II

Religion - Konflikt - Frieden

Was Frieden schafft










Religion Macht Frieden
- Zum Friedenspotenzial von Religionen in Gewaltkonflikten

Mittwoch, 29. Januar 2014, 20.00 Uhr, Albert-Knapp-Haus Ellmendingen

*Evangelisches Gemeindehaus, Hofgasse (hinter der Kirche)


Referent:

Dr. Markus Weingardt
- Friedensforscher

Täglich wird von Mord und Totschlag im Namen eines Gottes berichtet. Jede Religion hat ‚Blut an den Händen’, keine kann sie in Unschuld waschen. Ohne Religionen wäre die Welt friedlicher, glauben viele Menschen.

Andererseits erheben alle großen Religionen den Anspruch, Frieden stiften zu wollen. Gandhi, Martin Luther King und viele andere religiöse Akteure haben auf Gewalt verzichtet, Gewalteskalationen verhindert oder aktiv Konflikte beigelegt – nicht nur in lokalen oder sozialen Auseinandersetzungen, sondern auch in Bürgerkriegen, zwischenstaatlichen Kriegen oder Besatzungs-situationen. Dieses Friedenspotenzial der Religionen eröffnet spezifische Chancen, bedeutet aber auch eine große Verantwortung.

Erfolgreiche Friedensarbeit religiöser Akteure soll an konkreten Beispielen veranschaulicht werden. Was zeichnet diese Akteure aus? Wie setzen sie ihren Friedensanspruch in politische Praxis, in echtes Frieden-Stiften um? Was lässt sich daraus lernen für eine religiöse Friedensarbeit – in Deutschland und international?

Dr. rer. soc. Markus Weingardt studierte Politik- und Verwaltungswissenschaft in Konstanz und Jerusalem. Seit 2001 ist der Friedens- und Konfliktforscher mit dem Schwerpunkt Religion und Konflikt/Frieden Mitarbeiter der Stiftung Weltethos (Tübingen). Er war von 2004-2006 Lehrbeauftragter an der Uni Tübingen und 2006 Mitbegründer des Forschungsverbundes Religion und Konflikt. Zudem ist er Mitglied im bischofsberatenden Arbeitskreis Friedensauftrag der Kirche in der Evangelischen Kirche Württemberg. Von Markus Weingardt gibt es zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema.

Dr. Markus Weingardt

Kurzbiographie

Dr. rer. soc. Markus Weingardt

Jg. 1969, studierte Politik- und Verwaltungswissenschaft in Konstanz und Jerusalem/Israel; seit 2001 Mitarbeiter der Stiftung Weltethos (Tübingen). Friedens- und Konfliktforscher mit dem Schwerpunkt Religion und Konflikt/Frieden. 2006 Mitbegründer des Forschungsverbundes Religion und Konflikt.
Zahlreiche Veröffentlichungen, u.a. Mithrsg. des jährl. Friedensgutachtens der führenden deutschen Friedensforschungsinstitute (2007/08), Autor des Grundlagenwerkes „Religion Macht Frieden“ (Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2010), Herausgeber der Schriftenreihe Religion – Konflikt – Frieden (Nomos-Verlag).
Im Frühjahr 2014 erscheint: „Was Frieden schafft ... Religiöse Friedensarbeit: Akteure, Beispiele, Methoden.“ (Gütersloher Verlagshaus, Lehrbeauftragter an der Uni Tübingen 2004-2006, Mitglied u.a. im bischofsberatenden AK Friedensauftrag der Kirche in der Evang. Kirche von Württemberg.