PID - Präimplantationsdiagnostik

Erlaubt oder verboten - Eine Gewissensentscheidung (?)

Mittwoch, 16. März 2011, 20.00 Uhr, Katholisches Gemeindehaus in Dietlingen, Bachstr. 8


Referenten:

Dr. Helmut Heilbronner
Ärztlicher Leiter des Instituts für Klinische Genetik mit Praxis für Humangenetik am Klinikum Stuttgart

Dr. Jan Badewien
Pfarrer, Akademiedirektor der Evangelischen Akademie Baden, u.a. mit Schwerpunkt Medizin und Psychologie


Darf man Embryonen, die im Rahmen einer künstlichen Befruchtung gezeugt wurden, vor der Einpflanzung in den Mutterleib auf Erbkrankheiten untersuchen und gegebenenfalls aussortieren? Die Diskussion über die so genannte Präimplantationsdiagnostik wurde in den letzten Monaten in Regierungs- und Kirchenkreisen, öffentlich in den Medien und im privaten Umfeld äußerst kontrovers und zum Teil sehr emotional geführt.

Befürworter der PID können und wollen nicht verstehen, warum bei Feststellung einer schweren Behinderung des Föten während der Schwangerschaft eine Spätabtreibung - mit all den oft massiven traumatischen Folgen für die Frau - erlaubt ist, während die Möglichkeit einer Diagnostik vor der Einpflanzung der befruchteten Eizelle verboten und ethisch verwerflich sein soll. Manche sehen darin nicht nur einen Widerspruch, sondern sprechen von Zynismus oder Bigotterie.

Gegner der PID wie Bundeskanzlerin Angela Merkel befürchten einen Dammbruch, haben Sorge, „dass wir die Grenzen nicht richtig definieren können.“ Manche sehen Tür und Tor geöffnet für den Wunsch nach „Menschen nach Maß“, den sogenannten „Designer-Babys“. Und nicht nur der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch kritisiert „eine irregeleitete Sucht nach Glück“ bzw. die „Diktatur des Glücks“.

Worum geht es bei dem Thema PID wirklich? Geht es darum, dass der Mensch in das Schicksal eingreifen oder gar Gott spielen möchte? Oder geht es um ganz konkrete Hilfe für erblich vorbelastete Paare mit dem Wunsch nach einem gesunden Kind?

Was ist überhaupt der aktuelle Stand der Wissenschaft zu PID, was ist heute medizinisch möglich und was gehört in den Bereich utopischer Vorstellungen von Machbarkeit?

Das Kelterner Forum hat Herrn Dr. Heilbronner sowie Herrn Dr. Badewien eingeladen, um kompetente Informationen und Denkanstöße für die Auseinandersetzung und per-sönliche Meinungsbildung zu diesem gesellschaftlich und politisch brisanten Thema zu geben. Sie sind eingeladen, sich in die anschließende Diskussion aktiv einzubringen.


Links:

Institut für Klinische Genetik mit Praxis für Humangenetik

Evangelische Akademie Baden

Deutscher Ethikrat, Pressemitteilung 03/2011

Deutscher Ethikrat, Stellungnahme zur Präimplantationsdiagnostik, 8. März 2011 (pdf Datei)





PID - Präimplantationsdiagnostik
- Erlaubt oder verboten - Eine Gewissensentscheidung (?)

Mittwoch, 16. März 2011, 20.00 Uhr, Katholisches Gemeindehaus in Dietlingen, Bachstr. 8


Bericht vom Abend

Der Humangenetiker Dr. Heilbronner stellte seine Ausführungen aus der Sichtweise der betroffenen Menschen dar, die ihn in seiner Praxis aufsuchen und um Rat fragen. Es sind in aller Regel Familien, die bereits aufgrund von erblichen Chromosomenstörungen sehr leidvolle und schmerzliche Erfahrungen mit der rechtlich erlaubten Pränatalen Diagnostik (PND) und einem (rechtlich nicht erlaubten, aber geduldeten) späten Schwangerschaftsabbruch gemacht haben. Sie wollen diesen nicht noch einmal wiederholen, ihre Hoffnungen ruhen auf der Präimplantationsdiagnostik. Nach Aussage von Dr. Heilbronner haben fast alle Betroffenen sehr verantwortlich und nachdenklich gehandelt und entschieden. Sie möchten den Schwangerschaftskonflikt mit PND und Abbruch durch die PID vorwegnehmen, weil sie u.a. auch davon ausgehen, dass die Schutzwürdigkeit eines Embryos nicht so hoch einzuschätzen ist, wie die eines Fötus in der 18. Schwangerschaftswoche.

Bei der Frage der PID geht es genau um diese Menschengruppe. Nach Auswertungen von Statistiken anderer Länder Europas, in denen die PID erlaubt ist, geht man davon aus, dass in Deutschland jährlich etwa 200 bis 400 Familien betroffen sind. Es geht bei der Frage der Zulassung der PID also nicht um Designer Babys oder Untersuchungen im großen Stil sondern um wenige Eltern, die erbliche Chromosomenstörungen in sich tragen. Die Befürchtung von PID Gegnern, dass es bei begrenzter Zulassung einen Dammbruch geben könnte, kann aus der bisherigen Praxis in anderen Ländern nicht bestätigt werden.

Die PID ist als eine logische Folge der Zulassung der künstlichen Befruchtung zu sehen. Wenn man denn schon den Embryo außerhalb des Mutterleibes hat, dann steht eigentlich auch nichts dagegen, diesen Embryo auf Erbschäden zu untersuchen. Dies ist nach dem Ethiker Reiner Marquardt ein „Realismus der Barmherzigkeit für Eltern“ in ihrer Not.

Der Prozess der künstlichen Befruchtung ist mit Risiken verbunden und stellt eine sehr hohe Belastung für die betroffenen Frauen dar. Die PID ist eine sehr aufwändige Diagnostik, die zudem wissen muss, nach welchen Krankheiten sie suchen soll. Deshalb muss u.U. für jede Familie ein eigenes Konzept erstellt und ein eigener Weg entwickelt werden, was zu sehr hohen Kosten führt. Für eine Untersuchung sind etwa 7 Embryonen erforderlich, damit dann der Frau ein bis zwei zurückgegeben werden können. Darf man die übrigen verwerfen? Die zentrale Frage hierbei ist: Wann ist der Mensch ein Mensch? Ist er es vom ersten Moment an, wie die Christen glauben oder entwickelt sich der Embryo in den ersten Schwangerschaftswochen zum Menschen, wovon der jüdische und islamische Glauben ausgehen.

Dr. Badewien, Direktor an der Akademie Baden, wies auf die vielen Stellungnahmen aus kirchlichen Kreisen hin, bei denen es sehr differenzierte Urteile aber auch manchmal sehr missglückte Fundamentalkritik gibt. Die Katholische Kirche sagt ein klares Nein zur PID. Der Rat der EKD hat im Februar in seiner Stellungnahme auch eine restriktive Haltung eingenommen. Dies war etwas überraschend, zumal sich der Ratsvorsitzende Schneider im Vorfeld eigentlich sehr abwägend und differenziert geäußert hatte. Die unterschiedliche Position der EKD zur katholischen kommt im letzten Satz der Stellungnahme zum Ausdruck, wo es in alter evangelischer Tradition heißt: Der Rat der EKD gibt diese Erklärung im Respekt der Freiheit der Gewissensentscheidung der Einzelnen ab. Er ruft dazu auf, in persönlicher Verantwortung ein eigenes ethisches Urteil zu bilden.

Der Gesetzgeber muss nach Meinung des Referenten den Rahmen für eine PID Regelung vorgeben und ein geregeltes Verfahren formulieren. Für eine Umsetzung stellt er die Vorschläge von einigen theologischen Ethikern vor. Danach ist für Regulierung, Aufsicht und Kontrolle eine zentrale Ethikkommission zu beauftragen. Als Verfahrensregeln werden vorgeschlagen: 1. Die PID soll erlaubt sein bei Verdacht auf schwere, nicht heilbare Erbkrankheiten. 2. Die Behandlung wird auf wenige PID Zentren konzentriert, die zertifiziert sind, die also entsprechende Fähigkeiten besitzen und regelmäßig kontrolliert werden. 3. Es gibt Pflichtberatungen für die Eltern. 4. Die Ethikkommission muss in jedem einzelnen Fall die Entscheidung treffen. In diesem Rahmen sollte der Gesetzgeber den Patienten dann bei Inanspruchnahme der Reproduktionsmedizin einen möglichst großen eigenen Entscheidungsspielraum offen halten. Wichtig ist für Dr. Badewien, das Gespräch zwischen Ethikern und Wissenschaftlern aufrecht zu erhalten. Auch die Kirchen sollten sich am gesellschaftlichen Diskurs beteiligen. Eine rigorose Ablehnung hilft nicht weiter. Damit ist niemanden geholfen, den Betroffenen nicht und den Kirchen auch nicht. Ein pauschales Nein mag der Entlastung des eigenen Gewissens dienen, wird aber der komplexen Problematik und der Lebenswirklichkeit der betroffenen Menschen nicht gerecht. Es ist notwendig, im Einzelfall eine menschendienliche und lebensdienliche Entscheidung zu finden.



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