Nach dem Gaza Krieg - Perspektiven für Israel und Palästina

Donnerstag, 25. Juni 2009, 20.00 Uhr, Albert-Knapp-Haus in Ellmendingen


Referent: Clemens Ronnefeldt
Referent für Friedensfragen beim deutschen Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes

Bereits vor Ausbruch des Gaza-Krieges war offensichtlich, dass die Verhandlungen im Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinesern scheitern würden. Nach dem Krieg haben sich die Ausgangspositionen für eine politische Lösung weiter verschlechtert. Der Friedensprozess steht vor den Trümmern von Gaza und der bei den Wahlen im Februar deutlich gewordene Rechtsruck in Israel stellt eine weitere Belastung für die Friedensbemühungen dar. Befindet sich der israelisch-palästinensische Konflikt endgültig in einer Sackgasse oder gibt es Perspektiven für eine politische Lösung?

Referent Clemens Ronnefeldt aus Freising hat in den letzten Jahren den Iran, Syrien, den Libanon sowie mehrfach Israel und die palästinensischen Gebiete besucht. Im Oktober 2008 nahm der Referent für Friedensfragen beim deutschen Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes an einer Begegnungsreise nach Israel und in die Westbank teil. Die Reise führte u.a. nach Bethlehem, Ramallah, Hebron, Jericho, Jerusalem und in das Dorf Neve Shalom - Wahat al Salam (Oase des Friedens). In Bethlehem konnte Clemens Ronnefeldt mit Mitarbeitern des Ökumenischen Begleitdienstes des Weltrates der Kirchen sprechen, in Hebron mit Vertretern des Christian Peace Maker Teams. Weitere Gesprächspartner waren Dr. Mitri Raheb, der evangelische Pfarrer der Weihnachtskirche in Bethlehem sowie Familie Mukarker in Beit Jala, die über die Veröffentlichungen von Faten Mukarker auch in Deutschland bekannt ist.

Im ersten Teil seines Vortrages wird der Referent Hintergründe des jüngsten Gazakrieges beleuchten, einen Einblick in die aktuelle Lage vor Ort geben und Perspektiven für eine Konfliktlösung im Nahostkonflikt aufzeigen. In einem zweiten Teil zeigt er Bilder seiner letzten Nahostreise.

Im Anschluss an den Vortrag besteht die Möglichkeit für Rückfragen sowie Zeit zu Gespräch und Meinungsaustausch.

Die Bilder zeigen zum einen den Checkpoint Bethlehem und zum anderen Clemens Ronnefeldt (links) im Gespräch mit Uri Avnery
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Informationen zum Referenten:

Clemens Ronnefeldt,
Dipl.-Theol.

geb. 1960 in Worms, leistete nach dem Abitur 1979 -1981 Zivildienst in Osthofen.

1981-1984 studierte er an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz und 1984-1986 an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Frankfurt St. Georgen, wo er mit einer Diplomarbeit über die Hoffnung abschloss.

1982-83 absolvierte er eine Studienbegleitende Ausbildung zur Friedensarbeit an der Heimvolkshochschule Internationales Freundschaftsheim in Bückeburg.

1986-2003 unterstützte er die Friedensbewegung um den Cruise-Missile Stationierungsort Bell/Hasselbach im Hunsrück.

Von 1986-1992 war er ehrenamtlicher Sprecher der katholischen Friedensbewegung Pax Christi im Bistum Mainz.

1990 war er Mitbegründer der Initiative Frieden am Golf (IFAG) und reiste im November 1990 in den Irak.

Seit 1992 ist Clemens Ronnefeldt Referent für Friedensfragen beim deutschen Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes.

Von 1994-2001 begleitete er zusammen mit Alois Bauer im Auftrag der Zivildienstseelsorgestellen Trier, Limburg, Mainz und Speyer Zivildienstleistende bei Einsätzen in Flüchtlingslagern auf dem Balkan.

1997 richtete er mit Unterstützung von United Nation Volunteers eine Beratungsstelle für rückkehrende Flüchtlinge für die Friedensfachkraft des Versöhnungsbundes, Cima Zdenac, in Sanski Most (Bosnien-Herzegowina) ein.

2002, 2006 und 2008 nahm Clemens Ronnefeldt an Friedensdelegationen teil, die ihn nach Israel und in die palästinensischen Gebiete führten. 2004 war er in Syrien und im Libanon, 2005 im Iran, wo er jeweils mit Vertretern aus dem Bereich der Friedens- und Menschenrechtsarbeit sprach.

Clemens Ronnefeldt ist Autor des Buches "Die Neue Nato, Irak und Jugoslawien", mit einem Vorwort von Prof. Dieter S. Lutz, Minden, 195 S., 2. Auflage 2002 sowie zahlreicher Artikel zu den Themen Irak, Iran, Israel/Palästina und den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien.

Er lebt in Freising bei München.

Links:

Internationaler Versöhnungsbund
Uri Avnery


Perspektiven für Israel und Palästina

Vortrag von Clemens Ronnefeldt, Referent für Friedensfragen beim deutschen Zweig des Versöhnungsbundes, am 25.06.2009

Clemens Ronnefeldt war nach eigener Aussage mit dem Wunsch zum Kelterner Forum gekommen, die Besucherinnen und Besucher mögen mit seinem Vortrag besser und tiefer verstehen, worum es in diesem Nahost-Konflikt geht und warum er so schwer zu lösen ist.

Zunächst gab er einen Rückblick über die Historie. Wenn man fragt, wer zuerst da war, kommt man nicht weiter, so der Referent. Beide Bevölkerungsgruppen, Juden wie Palästinenser (Philister) gab es in diesem Land schon vor zweieinhalbtausend Jahren.

Im Verlauf der Geschichte wurden die Juden immer wieder beschimpft und verfolgt und auf der Suche nach einem Ort, wo ein jüdischer Staat entstehen könnte, konzentrierte sich das Augenmerk auf Palästina. So flohen die ersten Juden bereits 1892 aus dem zaristischen Russland dorthin. Nach dem zweiten Weltkrieg waren etwa 600.000 Juden in Palästina, zusammen mit 1,5 Millionen Palästinensern.

Im Jahr 1947 beschloss eine UN Spezialkommission, das Land zu teilen, 55% für den Staat Israel und 44% für den Staat Palästina. 1% - nämlich Jerusalem - sollte wegen der Heiligtümer der drei Weltreligionen, der Grabeskirche, der al-Aqsa-Moschee und dem Felsendom mit der Westmauer unter UN Verwaltung kommen.

Durch die Kriege und Konflikte stehen von einstmals 100% lediglich noch 12% des Gebietes unter palästinensischer Verwaltung. Dies ist eine Kolonisierung eines Volkes durch ein anderes, die nahezu einmalig ist auf der Welt, und sie wird von der Weltgemeinschaft einfach so geduldet. Der Gazastreifen, das Westjordanland und die Golanhöhen sind seit 1967 besetzt; nach der UN Resolution 242 müssten sie längst geräumt sein. Dies ist aber seit über 40 Jahren nicht umgesetzt worden. Alle Friedensbemühungen und –initiativen sind bisher gescheitert.

Nach Clemens Ronnefeldt liegt hier ein asymmetrischer Konflikt vor, wo mit Israel eine sehr starke Militärmacht einem palästinensischen Volk gegenübersteht, das eben sehr schwach ist. Das zeigt sich nicht zuletzt auch in den Opferzahlen oder den Verschleppten bzw Inhaftierten auf beiden Seiten.

Nach Ansicht des Referenten sind es folgende Gründe, die einen gerechten Frieden so schwer machen. Auf beiden Seiten gibt es Traumatisierungen. Das israelische Volk leidet unter der 'Shoa', bei der 6 Millionen Juden von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Israelische Psychologen und Psychoanalytiker sagen, dass die Ablehnung und der Hass gegenüber den Palästinensern eigentlich den Nationalsozialisten gilt, die heute aber nicht mehr greifbar sind. Auf der palästinensischen Seite ist es die 'Nakba', die Teilung der Region Palästina und die Flucht und Vertreibung von ca. 3/4 der arabischen Bevölkerung aus dem Gebiet, das zum heutigen Israel gehört. Zudem wissen beide Seiten zu wenig voneinander, da sie aus unterschiedlichen Gründen nicht in das jeweils andere Gebiet dürfen. Für israelische Regierungen stellt eine etwaige Rückführung der Siedler ein fast unüberwindliches Problem dar. Ein weiterer kritischer Punkt ist Ostjerusalem, das die Palästinenser als ihre Hauptstadt beanspruchen.

Im zweiten Teil seines Vortrages berichtete Clemens Ronnefeldt von seiner letzten Reise, die ihn vorwiegend in die palästinensischen Gebiete führte. Anschaulich gemacht durch Bilder und kurze Videoausschnitte gab er eindrückliche Schilderungen über die Folgen des Mauer- und Grenzzaunbaus. Dazu zählten Berichte über Einzelschicksale wie auch über die Konflikte zwischen den israelischen Siedlern und der palästinensischen Bevölkerung. Auf der anderen Seite konnte er aber auch von viel Versöhnungsarbeit erzählen, die sowohl gemeinsam von Israelis und Palästinensern als auch von vielen Organisationen, wie z.B. dem Versöhnungsbund und den christlichen Kirchen, getragen und gefördert wird.

Besucher, die den Vortrag als einseitig pro-palästinensisch kritisierten, lud der Referent ein, sich darauf einzulassen, in den „Schuhen der anderen Seite“ zu gehen. Und er fügte an, dass wir keinen Frieden bekommen, wenn es nicht gelingt, wenigstens partiell die jeweils andere Seite zu verstehen.

Als konkrete, Frieden fördernde Elemente führte der Referent folgende an: Gefangenenaustausch des israelischen Soldaten Gilad Schalit auf der einen und palästinensischen Gefangenen auf der anderen Seite, den Baustopp von Zaun- und Mauerbau sowie neuer Siedlungen, Rückzug der israelischen Armee aus Gaza und der Westbank, Stopp von Bombardierungen und Liquidierungen, Stopp von Anschlägen und Raketenbeschuss israelischer Gebiete, die gegenseitige Anerkennung des Existenzrechts, zwei Staaten in sicheren Grenzen, Fortführung der Genfer Initiative, Ostjerusalem als Hauptstadt Palästinas, eine Wahl für die Flüchtlinge auf Rückkehr oder Entschädigung, Palästina als Teil einer Konföderation eines Staatenbundes mit Jordanien, damit dieses schwache Gebilde überhaupt überlebensfähig ist, und eine atomwaffenfreie Zone von Israel und Iran. Auf die Frage eines Besuchers, wie realistisch diese Vorschläge und Wünsche seien, wies Clemens Ronnefeldt darauf hin, dass dies ungefähr auch die Punkte sind, die auf der Agenda des US Sonderbeauftragten Mitchell stehen.

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