"Leben mit einer psychischen Erkrankung - Wie gehen wir damit um?"

Mittwoch, 6. Oktober 2010, 20.00 Uhr, Albert-Knapp-Haus*, Ellmendingen

* Evangelisches Gemeindehaus, Hofgasse (hinter der Kirche)


Podium:

Dr. Gabriele Frank
Tagesklinik für Psychatrie und Psychotherapie, Pforzheim-Eutingen

Claudia Kaufmann
Sozialarbeiterin, Diakonisches Werk im Evang. Kirchenbezirk Pforzheim Land

Dr. Friedbert Rieth
Psychotherapeut und Psychoanalytiker, Calw

Christoph Zastrow
Sozialarbeiter, Diakonisches Werk im Evang. Kirchenbezirk Pforzheim Land

„Grundformen der Angst“- so lautete der Titel einer tiefenpsychologischen Studie über die Ängste der Menschen und ihre Überwindung, welche 1961 erschien und seither Generationen von Studenten/innen im psycho-sozialen Bereich geprägt hat.

„Irren ist menschlich“ heißt ein Lehrbuch der Psychiatrie/Psychotherapie aus dem Jahr 1978, und seit 2009 ist eine „heitere Seelenkunde“ mit dem provokativen Titel: „Irre! Wir behandeln die Falschen - Unser Problem sind die Normalen“ auf der Bestseller-Liste der Sachbücher zu finden.

Den Autoren dieser Bücher, so scheint es, war und ist es wichtig, Berührungs-ängsten zu sogenannten „psychisch kranken Menschen“ entgegen zu treten, in dem sie die ganze Bandbreite menschlicher Verhaltensweisen als zum menschlichen Dasein gehörig begreifen, und um mit ihrer annehmenden und nicht ausgrenzenden Grundhaltung die Kluft zu sogenannten „normalen Menschen“ aufzuheben oder zumindest zu verringern.

Schizophrenie, Depression, burn-out-Syndrom, Angst- oder Zwangsstörung, Panik, Sucht - was ist darunter zu verstehen und wie können wir, Betroffene, Angehörige oder Freunde damit umgehen? Wann ist professionelle Hilfe angesagt und welche Möglichkeiten der Therapien gibt es?

Dr. Gabriele Frank, Ärztin und Psychotherapeutin von der Tagesklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Pforzheim-Eutingen, Herr Dr. Friedbert Rieth, Psychotherapeut und Psychoanalytiker in eigener Praxis aus Calw, sowie Frau Claudia Kaufmann und Herr Christoph Zastrow, Mitarbeitende im Sozial-Psychiatrischen Dienst des Diakonischen Werkes Pforzheim-Land werden in dieses Thema einführen bzw. einen Einblick in ihre Arbeit mit Betroffenen und Angehörigen geben und für einen Austausch mit Ihnen zur Verfügung stehen.

Links:


Diakonisches Werk Pforzheim-Land

Buch, Grundformen der Angst

Buch, Irre - Wir behandeln die Falschen


"Leben mit einer psychischen Erkrankung - Wie gehen wir damit um?"


Mittwoch, 6. Oktober 2010, 20.00 Uhr, Albert-Knapp-Haus*, Ellmendingen, Hofgasse (hinter der Kirche)


Bericht vom Abend


Auf großes Interesse stieß der Veranstaltungsabend des Kelterner Forums zum Thema „Psychische Erkrankungen“. Der Ellmendinger Pfarrer Günther Wacker gab bei seiner Begrüßung dem Wunsch des Kelterner Forums Ausdruck, der Abend möge dazu beitragen, den Umgang von Menschen im Umfeld psychischer Erkrankungen ein Stück weit „normaler“ werden zu lassen. Dass wir Ängste, etwas falsch zu machen, abbauen, eine etwaige vorhandene Sprachlosigkeit überwinden und mehr Verständnis für psychische Erkrankungen und psychisch Kranke aufbringen mögen.

Psychoanalytiker Dr. Friedbert Rieth aus Calw führte in seinem Vortrag aus, dass die seit 1990 massiv geförderte Hirnforschung viele Erkenntnisse gebracht habe, die er in seinem Vortrag auf einige grundlegende Punkte reduzieren und verständlich machen wolle. Eine zentrale Rolle unserer Psyche spielt demnach die „Seele“. Hier ist nicht der theologische, metaphysische Teil gemeint sondern das Organ. In diesem Sinne ist die Seele ein Teil des Gehirns und besteht aus Milliarden von Nervenzellen, die miteinander vernetzt sind und bestimmte Aufgaben haben. Wie alle anderen Organe arbeitet die Seele, ohne dass wir sie bewusst steuern. Sie ist im Grunde ein riesiges Archiv, in dem alle unsere Erfahrungen von Geburt an gesammelt werden. Und sie ist sozusagen ein Gleichgewichtsorgan, das uns vermittelt, ob sich unsere seelischen Bedürfnisse im Gleichgewicht befinden. Dieses Archiv muss immer wieder aufs Neue aktualisiert und mit neuen Erfahrungen bereichert werden. Unter bestimmten Bedingungen wird das verhindert, z.B. in schwierigen Zeiten, bei schweren Kränkungen oder wenn man einen nahen Menschen verliert. Dies macht uns anfällig für Krisen.

Wir Menschen haben vier Grundbedürfnisse. Das wichtigste ist das Bindungsbedürfnis, also das Bedürfnis nach Beziehung, danach zu lieben und geliebt zu werden. Die drei weiteren Grundbedürfnisse sind die nach Orientierung und Kontrolle, nach Selbstwertschutz, d.h. nach Bestätigung und Erfolgserlebnis sowie das Bedürfnis nach Vermeidung von Unlust einerseits und Lustgewinn andererseits.

Etwa ein Drittel aller Menschen haben im Laufe ihres Lebens eine psychische Krise, in der sie Hilfe brauchen. Die häufigste Erkrankung ist mit 20% die Depression. Hierbei bricht der zentrale Steuerungsbereich des Gehirns im Stirnbereich, der die Informationen von den Sinnesorganen und aus dem oben beschriebenen Archiv verarbeitet, zusammen. Es kommt zu Antriebslosigkeit und einer tiefen Traurigkeit. Die an einer Sucht Erkrankten geben das Bedürfnis nach Kontrolle an die Droge ab. Bei der Schizophrenie ist ein Filter im Steuerungsteil des Hirns defekt, so dass die Unterscheidung, ob eine Information von den Sinnesorganen oder aus dem Archiv kommt, nicht richtig möglich ist. Neben der professionellen Hilfe für Erkrankte wies Dr. Rieth auch auf die „Alltags-Therapie“ hin. Durch das Pflegen von nahen Beziehungen und ehrlichen Rückmeldungen nahestehender Menschen wird das >oben beschriebene Archiv mit neuen Erfahrungen angereichert, die uns helfen, auf das, was das Leben von uns fordert, vorbereitet zu sein.

Hilfe bekommen psychisch Erkrankte in der Tagesklinik in Pforzheim-Eutingen, die seit 2002 existiert. Sie wird von Frau Dr. Gabriele Frank geleitet. Aufgenommen werden Menschen in Lebenskrisen, die beispielsweise an Depressionen, Schizophrenie, Angst und Traumata leiden und bei denen das seelische Eigensystem nicht mehr helfen kann. In der Einrichtung sollen sich tragfähige therapeutische Beziehungen entwickeln, die Sicherheit und Schutz geben. Alltagskompetenzen, Selbständigkeit, Beziehungsaufnahme und das Treffen von Entscheidungen werden gefördert. Frau Dr. Frank spricht hier von der „Lebensschule“. Eine Besucherin erzählte von den positiven Erfahrungen, die ihr Sohn mit der Klinik gemacht hat. Wichtig bei dem Konzept der Tagesklinik ist, dass die 30 Patienten und Patientinnen, die von Montag bis Freitag tagsüber in der Klinik und abends sowie am Wochenende daheim sind, die Tagesklinik mit dem Öffentlichen Nahverkehr erreichen können. Die Dauer der Therapie ist unterschiedlich, im Durchschnitt etwa neun Wochen. Die Tageskliniken wurden ab etwa 1975 aufgebaut, um – im Gegensatz zu den Vollzeitkliniken - eine heimatnahe Behandlung zu ermöglichen.

Claudia Kaufmann und Christoph Zastrow arbeiten als Sozialarbeiter beim Sozialpsychiatrischen Dienst der Diakonie im nördlichen Enzkreis (Pforzheim und der südliche Enzkreis werden vom Caritasverband abgedeckt). Sie berichteten von den Erfahrungen ihrer Arbeit mit psychisch Kranken. Ziel der Sozialdienste ist die kostenlose,flächendeckende Beratung und Unterstützung Betroffener und ihrer Angehörigen. Sie begleiten die Menschen und helfen, die Erfordernisse des Alltags zu bewältigen, bieten Gespräche an, wirken einer Vereinsamung entgegen,machen Mut zum Leben, entlasten die Angehörigen und ermöglichen ihnen den Austausch mit anderen Angehörigen. In den Tagesstätten in Wilferdingen und Mühlacker nehmen die Erkrankten am Alltagsleben teil, haben aber auch die Möglichkeit, sich in einen Ruhebereich zurück zu ziehen. Ziel der Teilnahme an der Tagesstruktur in den Tagesstätten ist, dass die Betroffenen lernen, ein selbständiges Leben - mit Unterstützung – zu führen.

Die nächste Veranstaltung des Kelterner Forums findet am 18. November statt. Pfarrer Dieter Hemminger wird mit Bildern und Video vom 'weltweiten Marsch der Humanisten' berichten.



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