Die tieferen Ursachen der Weltfinanzkrise
Freitag, 20. März 2009, 19.00 Uhr, Katholisches Gemeindehaus in Dietlingen, Bachstraße 8

(Ende gegen 22.00 Uhr)


Referent: Prof. Bernd Senf
Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin
www.berndsenf.de

Die Krise an den internationalen Finanzmärkten hat sich seit Ende September 2008 dramatisch zugespitzt und hat inzwischen auch Deutschland erreicht. Die so genannten „Rettungspakete“ von Seiten der Regierungen und Zentralbanken zur Stützung eines vom Zusammenbruch bedrohten Bankensystems haben mittlerweile unvorstellbare Ausmaße erreicht, und dennoch ist kein Ende der Krise in Sicht – im Gegenteil: Es häufen sich die Meldungen, nach denen die Krise auf die Realwirtschaft überzugreifen droht und eine Kette von Absatzrückgängen, Entlassungen, Firmenzusammenbrüchen, Steuerausfällen und wirtschaftlicher Rezession auslösen könnte. Sogar die Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zeigen sich auf einmal völlig überrascht, mit welcher Wucht die Krise um sich greift und die neoliberalen Deregulierungs- und Privatisierungsfanatiker fordern plötzlich massive staatliche Eingriffe. Wo soll eigentlich das ganze Geld für solche Rettungspakete herkommen, wo es vorher an allen Ecken und Enden im Sozialbereich, im Bildungs- und Gesundheitsbereich gefehlt hat? Und wo fließt es eigentlich hin? Und wer wird letztlich in welcher Form die Zeche dafür zahlen müssen?

Die aufgeregten Diskussionen, Kommentare und Stützungsmaßnahmen der letzten Wochen haben fast alle eines gemeinsam: Sie lenken von den tieferen Ursachen der Weltfinanzkrise ab und beschränken sich auf deren Symptome. Das wird die Krise nicht wirklich überwinden helfen. Dabei sind wesentliche tiefere Ursachen dieser Krise und ihrer Zuspitzung von einigen Kritikern längst erkannt, und sie fordern seit Jahren oder gar Jahrzehnten grundlegende Korrekturen im Geldsystem, das auf vollkommen fragwürdigen Fundamenten aufgebaut ist, die viel zu lange verschleiert wurden. Dazu gehört die langfristig zerstörerische Dynamik des Zinseszinses – und das ihm hervor getriebene  >krebsartige Wachstum von Geldvermögen und Schulden.
Dazu gehört auch die Schöpfung eines mit Zins belasteten Geldes aus dem Nichts in den Händen eines weitgehend privaten Bankensystems, das den Staat und große Teile der Gesellschaft in immer tiefere Verschuldung treibt.

Prof. Dr. Bernd Senf von der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin hat in seinen Veröffentlichungen schon seit 1996 eindringlich auf die Gefahren eines Super-Gaus des Weltfinanzsystems hingewiesen und grundlegende Korrekturen im Geldsystem angemahnt. Diese Mahnungen wurden vielfach ignoriert, belächelt oder gar bekämpft. Die jüngsten Entwicklungen scheinen ihm allerdings recht zu geben. In seinem Vortrag wird er auf lebendige und spannende Art und auf allgemein verständliche Weise die wesentlichen Zusammenhänge zum Thema ableiten. Danach besteht die Gelegenheit zu Fragen und Diskussionen.

Bernd Senf ( 08.10.08)


Buchveröffentlichungen von Bernd Senf
  • Der Nebel um das Geld
  • Die blinden Flecken der Ökonomie
  • Der Tanz um den Gewinn

 

Zitate von Bernd Senf

„Deutschland ist in diesem (20.) Jahrhundert aufgrund des geld- und währungspolitischen Versagens der demokratischen Parteien schon zweimal in soziale Katastrophen (Inflation 1923 und Deflation 1929ff) gestürzt, die den Boden für den Faschismus bereitet haben. Wenn sich eine ähnliche Entwicklung auf europäischer (oder gar auf globaler) Ebene nicht wiederholen soll, gilt es, rechtzeitig die Augen zu öffnen gegenüber den fundamentalen Problemen, die mit Geld- und Währungsfragen zusammenhängen.“ (Der Nebel um das Geld, 1996)

„Vom blinden Glauben an den Neoliberalismus gehen erneut Gefahren aus, die es rechtzeitig zu erkennen gilt, bevor die Entwicklung zu neuen Katastrophen führt.“ (Die blinden Flecken der Ökonomie, 2001)

„Die Struktur und Dynamik des bestehenden Geldsystems auf der Grundlage eines gespaltenen Geldflusses (Tauschmittel einerseits und Spekulationsmittel andererseits) treibt systematisch das Börsenfieber mit seinen wachsenden Spekulationsblasen hervor, die schließlich unvermeidlich platzen müssen. Börsenfieber und Kurssturz sind also Ausdruck einer Systemkrise und nicht in erster Linie Folge individuellen Versagens einzelner Manager, Vorstände und Aufsichtsräte von Konzernen, Banken und Investmentfonds – und auch nicht in erster Linie des Versagens einzelner nationaler Regierungen oder Zentralbanken.“ (Der Tanz um den Gewinn, 2004)


Diese Veranstaltung führen wir durch in Zusammenarbeit  mit:


attac 

pax christi 

wir in keltern


Die tieferen Ursachen der Weltfinanzkrise
Vortrag von Professor Bernd Senf, Fachhochschule für Wirtschaft Berlin, am 20. März 2009

Ein Thema, das ganz offensichtlich den Menschen unter den Nägeln brennt: Reichte doch der Platz im katholischen Gemeindehaus in Dietlingen kaum aus für all die Besucher, die sich an einem Freitagabend gute drei Stunden die Zeit genommen haben, um der Frage nachzugehen, wie es zu einer solchen, bisher noch nicht da gewesenen, internationalen Finanz - und Wirtschaftskrise kommen konnte. Eingeladen zu dieser Veranstaltung hatte das Kelterner Forum, dieses Mal in Zusammenarbeit mit „attac“, „Pax Christi“ und „Wir in Keltern“.

Als Referent eigens aus Berlin angereist war Prof. Bernd Senf, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule für Wirtschaft in Berlin. Sein Anliegen bestand darin, bei den Zuhörenden ein Denken in wirtschaftliche Gesamtzusammenhänge anzuregen und in die äußerst komplexe Thematik, auch mittels selbst gezeichneter Schaubilder und Graphiken, für alle verständlich und nachvollziehbar einzuführen. Freilich versäumte er dabei auch nicht, darauf hinzuweisen, dass er und andere Mitstreiter auf Grund ihrer Sichtweise und Analysen der Entwicklung auf dem Wirtschafts- und Finanzmarkt schon seit Jahren vor einem Crash desselben gewarnt hätten. Warnungen, die von Experten und der Öffentlichkeit schlichtweg ignoriert oder einfach nicht ernst genommen wurden.

Seine These, die zugespitzte Krise sei eine Systemkrise des bestehenden Geldsystems, welche immer mehr in die Realwirtschaft übergreife, führte Prof. Senf im Folgenden aus. Die Fragen aufwerfend, woher eigentlich das Geld komme, wer es in den Wirtschaftskreislauf bringe und wie es dort hingelange, misst er dem bestehenden Geldsystem und vor allem der Geldschöpfung durch private Banksysteme sowie der Dynamik des Zinseszins eine besondere Bedeutung an der Krise bei. Geld, das aus dem „Nichts“ geschöpft würde und dem kein reeller Gegenwert gegenüberstehe. Demzufolge forderte Prof. Senf eine staatliche, von privaten Banksystemen unabhängige „Monetative Instanz“, die für die Geldschöpfung zuständig sei und verwies darauf, dass die „Ökonomenzunft“ bis heute die Problematik der privaten Geldschöpfung und des Zinseszinses verschweige. Anschaulich zeigte Prof. Senf im Weiteren auf, warum der Zins ein Problem darstelle, warum spiegelbildlich zum Geldvermögen die Verschuldung und die Zinslast (vgl. circa ein Drittel Zinslast indirekt in Endverbraucherpreisen!) anwachsen müsse, und wie sich zwangsläufig die aufgebaute Spannung irgendwann entladen müsse. Dementsprechend stellt Prof. Senf die Forderung auf, dass das Geldsystem öffentlich gemacht und demokratisiert werden müsse, Institutionen für monetäre Angelegenheiten eingerichtet werden müssten sowie die Buchgeldschöpfung durch private Geldinstitute zu unterbinden sei. Schließlich sei für die Wirtschaft nur das Geld entscheidend, welches kontinuierlich ströme bzw. im Fluss bliebe. Eine Umlaufsicherungsgebühr könne z. B. als Regulator das Leck schließen, aus welchem dem Geldkreislauf Geld entzogen würde und verhindern, dass sich aus dem abgeschöpften Geld eine immer größer werdende und zu platzen drohende Blase bilde.

Einen solch komplexen Sachverhalt darzustellen, braucht seine Zeit, die dem Referenten, auch von Seiten der Zuhörenden größtenteils zugestanden wurde. Dies ging leider nur auf Kosten einer, dem Vortrag normalerweise folgenden Diskussionsrunde und die dem „Kelterner Forum“ bei seinen Veranstaltungen auch besonders am Herzen liegt. Dennoch brachten sich die Zuhörenden auch während des Vortrages lebhaft ein.

Der Abend hat Einblicke gegeben in die Wirtschafts- und Finanzkrise aus der Sicht von Herrn Prof. Senf. Wer sich in dieser Richtung weiter in die Thematik vertiefen möchte, sei auf die Internetseiten von Prof. Senf und die dort veröffentlichten Videos hingewiesen: www.berndsenf.de, www.dailymotion.com und www.archive.org


Bildergalerie


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