WER SIND WIR UND WIE VIELE?
Bevölkerungsentwicklung im Wandel

Mittwoch, 19. Oktober 2016, 20:00Uhr, Albert-Knapp-Haus, Ellmendingen
Evangelisches Gemeindehaus, Hofgasse 1 (hinter der Kirche)


ReferentInnen:

Dr. Christoph Rott

Gerontologisches Institut Heidelberg

Karin Sauer, M.A.

EEB Baden, Seniorenbildung

Ingrid Knöll-Herde, Pfarrerin

Seelsorge im Alter

Zu Beginn präsentierte Dr. Christoph Rott, Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg, "Aktuelle demografische Daten und Fakten". Während die Bevölkerungsentwicklung oftmals als Herausforderung betrachtet wird, verwies er auf die enorme kulturelle Errungenschaft einer zunehmenden Lebenserwartung und beurteilte es als gut, dass wir eine immer höhere Chance auf ein langes (und gesundes) Leben hätten. Dies gilt nicht nur über die Jahrhunderte hinweg, sondern auch für vergleichsweise kurze Zeiträume: so betrug anhand der Sterbetafeln 2012/2014 die Lebenserwartung bei Geburt für Mädchen 83,1 und für Jungen 78,1 Jahre und war damit um 1,5 bzw. 2,2 Jahre höher als noch 10 Jahre zuvor. Prognosen zufolge wird die Lebenserwartung weiter linear ansteigen, ohne dass ein Plateau absehbar ist, und sich beispielsweise die Personengruppe über 90 Jahre in den nächsten 20 Jahren vervierfachen.

Schon lange ist bekannt, dass die Lebenserwartung plastisch und sensibel für soziale Verhältnisse ist; der Unterschied zwischen den niedrigsten und höchsten Einkommensschichten beträgt etwa 2 Jahre. Besonders positiv stellte Rott heraus, dass in den letzten 10 Jahren auch die "gesunde" Lebenserwartung gestiegen ist, beispielsweise die Lebenserwartung ohne Pflegebedürftigkeit von 75,8 auf 77,7 Jahre. Obwohl die Anzahl der Demenzerkrankungen zunimmt, nahm nach einer Studie aus dem Jahr 2013 der prozentuale Anteil innerhalb der Altersgruppen zwischen den Erhebungen 1989/94 und 2008/11 um 24 % ab. Ähnliche Ergebnisse fand Rott in der eigenen Hundertjährigen-Studie, in der 21% mehr "kognitiv Intakte" innerhalb von zwei Dekaden vorhanden waren, möglicherweise bedingt durch einen gesünderen und aktiveren Lebensstil. Seine Schlussfolgerung: durch die steigende Lebenserwartung eröffnen sich neue Perspektiven vieler Jahre aktiver Teilhabe, wobei sich in allen Altersgruppen die Befragten um 10 Jahre jünger fühlten.

Herzlichen Dank für die Überlassung der Vortragsfolien, Herr Dr. Rott

Die Möglichkeiten des Alters und die verschiedenen Alterstheorien stellte Karin Sauer, zuständig für Seniorenbildung bei der Evangelischen Erwachsenen- und Familienbildung (EEB) in Baden vor. Von den über 80jährigen würden sich 30 % nicht als alt bezeichnen, und etwa 45 % der 65 - 85jährigen engagierten sich durchschnittlich 4 Stunden pro Woche ehrenamtlich. Damit stellt sich für die Kirchengemeinden die Frage, wie diese Menschen angesprochen werden könnten. Die vielfach existenten Seniorenkreise würden dafür nicht ausreichen, stattdessen sei eine "bunte" Palette an Formen der Arbeit mit älteren Menschen notwendig. Alltag und biografische Passung müssten berücksichtigt werden, und die Kirche müsse lernen, sich anzupassen und einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Beispielhaft stellte Sauer einige Projekte vor wie Kinderbetreuung durch Senioren, Theatergruppen, Kulturführerschein oder Mittagstisch. Abschließend wies sie auf die Konzeption "Leben in Fülle und Würde" der Evangelischen Landeskirche in Baden hin und betonte, dass es dabei nicht um Wissensvermittlung, sondern um Begegnung ginge.

Pfrin Ingrid Knöll-Herde, Abteilung Seelsorge im Alter beim Oberkirchenrat, begann mit einem persönlichen Plädoyer für eine gute Sorgekultur im Alter, sowohl im Leben als auch im Sterben und stellte die Frage: "Wie will ich denn alt werden?" Um die individuellen Bedürfnisse zu erfüllen, bedürfe es einer sorgenden Gemeinschaft im Leben und im Sterben. Kirche habe dazu die Kompetenz, beispielsweise durch die Besuchsdienste, und Seelsorge sei eine Aufgabe der ganzen Gemeinde, bei der sich jeder einbringen könne. Pfrin Knöll-Herde plädierte für einen runden Tisch, an dem neben kirchlichen Organisationen auch kommunale Einrichtungen, Selbsthilfegruppen, bürgerschaftliche Gruppen und soziale Dienste beteiligt sein sollten. Damit könne sich eine mitfühlende und sorgende Gemeinschaft entwickeln und ausbreiten. Abschließend betonte sie, dass mit der heutigen Veranstaltung bereits ein guter Anfang eines gemeinsamen Tuns gemacht worden wäre.

Nach intensiven Tischgesprächen der 20 Teilnehmer wurden in der Diskussion mit den Referenten die Vortragsinhalte vertieft. Hier betonte Pfrin Knöll-Herde die Wichtigkeit von Modellen zur Gestaltung von Pflege, um beispielsweise die Last auf mehrere Schultern verteilen zu können. In diesem Zusammenhang betonte Rott nochmals, dass die zunehmende Lebenserwartung nicht automatisch zunehmende Pflegebedürftigkeit bedeuten würde, dass aber Präventivmaßnahmen wie ein aktiver Lebensstil notwendig seien, um in möglichst gesundem Zustand möglichst alt werden zu können.

Dr. Peter Flachenecker

21.10.2016

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Interessante Links

Demografischer Wandel in Deutschland "Wikipedia"
Statistiken und Daten zum demografischen Wandel