"Bestandsaufnahme Nahost"

Mittwoch, 27. Februar 2013, 20.00 Uhr,  Albert-Knapp-Haus*, Ellmendingen, Hofgasse (hinter der Kirche)


*evangelisches Gemeindehaus

Referent:

Andreas Zumach

- Journalist und UNO-Korrespondent
- Experte für internationale Politik
Aktiv in der Friedensbewegung

Wie wird sich der Bürgerkrieg in Syrien entwickeln?  Was für Auswirkungen hat dies auf die benachbarten Länder?

Was passiert nach den Wahlen in Israel? Gibt es den schon lange vorbereiteten Krieg gegen den Iran? 

Welche Chancen  bietet der arabische Frühling? Gibt es überhaupt friedliche Lösungsmöglichkeiten im Israel- Palästina Konflikt? 

Da eine Zwei-Staaten-Lösung  durch den Siedlungsbau nicht mehr möglich ist, wie könnte eine Ein-Staaten-Lösung aussehen? 

Viele Fragen drängen sich angesichts der Situation in Nah-Ost auf. 

Andreas Zumach gilt als Experte auf den Gebieten des Völkerrechts, der Menschenrechtspolitik, der Sicherheitspolitik, der Rüstungskontrolle und internationaler Organisationen. Er arbeitet im Palais des Nations, dem europäischen Hauptsitz der Vereinten Nationen  in Genf, als Korrespondent für Printmedien, wie beispielsweise die tageszeitung (taz) und Die Presse, sowie für den Rundfunk. Der Referent verfügt über ein großes Hintergrundwissen und kann uns erklären, wer die treibenden Akteure in dieser Krisenregion sind und welche Interessen eine wichtige Rolle spielen.

Nach einer längeren Pause wollen wir die Themenabende „Kelterner Forum“ wieder aufnehmen und laden Sie dazu herzlich ein.


Links:

Andreas Zumach (BITS)

Andreas Zumach (taz)

Göttinger Friedenspreis

commentarist

dib


"Bestandsaufnahme Nahost"

Mittwoch, 27. Februar 2013, 20.00 Uhr, Albert-Knapp-Haus*, Ellmendingen


Referent:

Andreas Zumach

Bericht vom Abend

Die erste Veranstaltung des Kelterner Forums nach einer längeren Pause fand großen Zuspruch. Viele Besucherinnen und Besucher waren ins Albert-Knapp-Haus gekommen, um den Vortrag des Journalisten und UNO Korrespondenten Andreas Zumach zu hören. Und sie wurden nicht enttäuscht, der Referent konnte mit einem profunden Wissen und jahrzehntelangen Erfahrungen fesselnd und informativ berichten.

Vorweg stellte er fest, dass die Bezeichnungen „Naher Osten“ und „Mittlerer Osten“ höchst problematisch sind. Die Begrifflichkeiten sind kolonialistisch geprägt und von den westlichen Industrieländern eingeführt worden. Die Menschen in der Region reagieren zunehmend empfindlich darauf. Die politisch korrekte Bezeichnung für diese Region ist aus deren Sicht „Westliches Asien“.

Andreas Zumach sieht mindestens sieben Konflikte in der Region - alle mit gewaltträchtigem Potenzial -, die seit Jahrzehnten zu Gewalteskalationen und Kriegen geführt haben. Diese sind:

1.     Der Kernkonflikt Israel / Palästina. Die Situation nach den Wahlen in Israel ist völlig offen. Es gibt keine regierungsfähige Mehrheit, es sieht nicht nach der Bildung einer regierungsfähigen Koalition aus. Möglicherweise sind Neuwahlen unausweichlich. Zur Frage, ob Ein- oder Zweistaatenlösung stellte der Referent fest: Aufgrund des eskalierten Siedlungsbaus - es sind inzwischen über 500.000 illegale Siedler auf der Westbank und in Ostjerusalem – wird es immer unvorstellbarer, dass noch ein überlebensfähiger Staat Palästina auf einem zusammenhängenden Territorium entstehen kann. Man könnte zudem der Meinung sein, zwei Staaten auf diesem kleinen, begrenzten Territorium mit all seinen Ressourcen- und Logistikproblemen sei wenig sinnvoll. Eigentlich sei es viel vernünftiger, „die würden sich zusammenraufen“ und einen Staat bilden, in dem alle die gleichen Bürgerrechte haben und ihren Glauben ausüben dürfen. Gegen eine Einstaatenlösung sprechen zwei Argumente. Zum einen ist das Ziel eines eigenen Staates, der den Palästinensern in der Teilungsresolution der UNO vom November 1948 genauso versprochen wurde, wie den Juden ihr eigener Staat, so wichtig geworden und so stark identitätsstiftend, dass sie dieses Ziel erst einmal erreichen müssen. Zum anderen ist es nicht vorstellbar, dass diejenigen, die zur Zeit in Israel das Sagen haben und die eine gerechte Zweistaatenlösung auf Basis der Grenzen von 1967 systematisch hintertreiben, eher bereit wären, heute eine Einstaatenlösung zu akzeptieren. Andreas Zumach ist allerdings der Meinung, dass je länger die israelische Politik sich einer Zweistaatenlösung verweigert, desto geringer die Chancen für das Überleben eines Staates Israel werden, vor allem eines Staates Israel mit einem nennenswerten jüdischen Charakter, weil eben die ganze Dynamik immer mehr auf eine Einstaatenlösung zutreibt. Da werden sie dann nicht nur nicht mehr einen jüdischen Charakter haben sondern aufgrund der demographischen Entwicklung eine immer kleinere Minderheit sein.

2.    Der schiitische / sunnitische Konflikt zwischen den beiden Hauptrichtungen des Islam

3.    Saudi Arabien, das Land mit der konservativsten, unterdrückeristischen und frauenfeindlichsten Interpretation und Praxis des Islams und des Korans. Das Problem ist, dass dies nicht auf das eigene Land beschränkt sondern versucht wird, den sogenannten Wahabismus mit sehr viel Geld aus den Öleinnahmen nicht nur in der Region sondern auch darüber hinaus bis nach Europa zu verbreiten, beispielsweise in Bosnien Herzegowina und der Türkei.

4.    Der Streit um das iranische Atomprogramm

5.    Die Ressourcenprobleme in der Region. An allererster und dringlichster Stelle die kostbarste und überlebenswichtigste Ressource: das Wasser. Nicht nur, dass das Wasser auch aufgrund der klimatischen Veränderungen knapper wird sondern dort, wo eigentlich noch genug für alle da wäre, gibt es erhebliche Verteilungs- und Gerechtigkeitsprobleme. Das gilt z.B. für die Situation zwischen Israel und Palästina, weil sich am Fuße der Golanhöhen Wasserressourcen befinden und deren Kontrolle bei Rückgabe der Golanhöhen an Syrien ginge.

6.    Die äußeren Interessen äußerer Akteure und die Einmischungen in die Region. Und da ist natürlich seit 60 Jahren das wichtigste Interesse das Interesse an den fossilen Energierohstoffen dieser Region, befinden sich doch hier 85% der weltweit bekannten Ölvorräte und 80% der weltweiten Gasvorräte. Das hat spätestens seit dem Ende des 2. Weltkrieges dazu geführt, dass der Westen unter der Führung der USA, aber auch mit unserer westdeutschen Beteiligung, seit damals alles daran gesetzt hat, das Öl aus dieser Region möglichst störungsfrei und möglichst billig zu bekommen. Es wurden 50 Jahre lang Diktaturen unterstützt in den Ländern, die unmittelbar wichtig waren wegen der Ressourcen für uns; aber auch in den Nachbarländern erhielten die jeweils herrschenden Diktaturen oder Militäjunta Unterstützung, aus Gründen der „Stabilitätspolitik“. Der Referent sieht darin die wesentliche Vorgeschichte für das, was dann ab Dezember 2010 in einigen dieser Länder aufgebrochen ist, nämlich die „Arrabellion“, also der Aufstand der Menschen gegen die Unterdrückung, gegen diese Regime. Nach seiner Analyse tragen wir eine entscheidende Mitverantwortung an der desolaten gesellschaftlichen Situation in den allermeisten Ländern in den letzten 60 Jahren. Weil wir nämlich diejenigen, die eine andere, eine bessere Entwicklung unterdrückt haben, unsererseits immer unterstützt haben.

7.    Die Situation in Syrien. Syrien ist nicht isoliert zu betrachten. Als das losging, im Januar 2011 in Tunesien, hatten viele die Hoffnung, dass die Dynamik, die hier anfing, die ganze Region ergreifen würde, von Marokko bis Iran. Auch der Referent hatte große Hoffnungen und das Geschehen von seiner historischen Dimension für so bedeutsam gehalten, wie den Fall der Berliner Mauer und das, was dann bei uns in Europa möglich geworden ist. Jetzt sind wir über zwei Jahre weiter und die Ernüchterung ist groß: - Die Enttäuschung darüber, dass es nicht so gewaltfrei gelaufen ist, wie gewünscht - Die Tatsache, dass zum Teil die problematisch islamistischen Gruppen und Parteien noch stärkeren Einfluss gewonnen haben oder zu gewinnen versuchen – Dass das Geschehen im Gegensatz zu den ersten Monaten inzwischen gewalttätig verläuft, vor allem in Syrien. – Dass diverse islamistische Gruppen, auch Terrorgruppen agieren.

Andreas Zumach appelliert an seine Zuhörer und Zuhörerinnen, bei aller Ernüchterung, aller Enttäuschung und allem Zynismus, den Ausgangspunkt nicht zu vergessen: Nämlich das Streben der Menschen in diesen Ländern, endlich die universellen Menschenrechte für sich in Anspruch nehmen zu können. Also eine Befriedigung der elementaren Grundbedürfnisse: Essen, Trinken, sicheres Haus und Dach über dem Kopf, Ausbildung. Das Recht, nicht mehr willkürlich verhaftet zu werden und jahrzehntelang in irgendwelchen Kerkern zu schmoren. Das Recht, nicht willkürlich ermordet zu werden, das Recht auf freie Rede und Versammlungsfreiheit. Aber auch auf die wichtigen wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Menschenrechte. Das war und bleibt das Motiv, der Wunsch und die Sehnsucht ganz vieler Menschen in dieser Region. Und das wird auch nicht dadurch irrelevant und weggewischt, dass inzwischen andere Akteure mit sehr fragwürdigen und zum Teil kriminellen und verbrecherischen Motiven hier mit agieren.

Nach dem Vortrag und einer Murmelrunde, wurden die Themen intensiv und mit Engagement diskutiert und vertieft.


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