Flucht - Migration - Asyl

- Wer kommt und warum eigentlich?

Mittwoch, 8. Juli 2015, 20:00Uhr, Albert-Knapp-Haus Ellmendingen


Bericht vom Abend

Flucht, Migration und Asyl - zu diesem mehr als aktuellen Thema begrüßte das Kelterner Forum am 8. Juli 2015 etwa 100 interessierte Zuhörerinnen und Zuhörer im Albert-Knapp-Haus in Ellmendingen. In seinem einführenden Vortrag "Flüchtlingsschutz in der aktuellen Situation - eine Herausforderung für Gesellschaft und Kirche" stellte Jürgen Blechinger, Referent für Migration und Islamfragen des Diakonischen Werks Baden, die globale Flüchtlingssituation dar. Danach komme nur ein kleiner Teil der weltweit ca. 60 Millionen Flüchtlinge nach Europa und noch weniger nach Deutschland, die meisten aus Syrien und den Balkanstaaten. Obwohl für 2015 wieder (wie übrigens bereits in den 1990er Jahren) 400.000 Flüchtlinge gegenüber 173.000 in 2014 erwartet werden, kommen auf 1000 Einwohner nur 1,5 Asylsuchende gegenüber beispielsweise 5,3 in Schweden. Diese Zugangszahlen bedeuten, dass in Baden-Württemberg 24.000 und in einer Gemeinde mit 10.000 Einwohnern 24 Menschen aufgenommen werden müssen. Neben einem Überblick zum Asylverfahren schilderte Blechinger anhand mehrerer Beispiele, welche dramatischen Einzelschicksale sich hinter diesen Zahlen verbergen. Da etwa 50 % der Flüchtlinge mittel- und längerfristig in Deutschland bleiben, ist von Anfang an Integration dringend notwendig. In dieser Hinsicht bietet das neue Landesprogramm vom 24.03.2015 verbesserte Möglichkeiten, z. B. der Sprachförderung oder der Integration in den Arbeitsmarkt.

Im Podiumsgespräch stellten zunächst Luisa Uhl und Nassim Alizadeh ("Miteinander Leben e.V."), zuständig für die Flüchtlingsbetreuung im Enzkreis, die Aufgaben des Fachdienstes Asyl in Keltern dar. Diese beinhalten allgemeine Informationen zu Fragen des Asylverfahrens, Unterstützung beim Schriftverkehr, Beratung in sozialen und familiären Problemlagen, Unterstützung bei freiwilliger Rückkehr und die Unterstützung der ehrenamtlichen Helfer. Diese spielen bei der Flüchtlingsarbeit eine wichtige Rolle, z. B. bei Deutschkursen, Patenschaften, Hausaufgabenhilfe für Flüchtlingskinder, Freizeitgestaltung oder der Begleitung zu Ämtern oder Ärzten.

Bürgermeister Steffen Bochinger berichtete über die Situation in Keltern. Da Keltern zu den Gemeinden mit den bisher wenigsten Aufnahmen zählt, werden im Juli neben den bisherigen 29 Menschen weitere 25 Flüchtlinge vom Enzkreis zugeteilt werden. Bei einem zu erwartenden Schlüssel von 1% kämen möglicherweise insgesamt 90 Asylsuchende auf Keltern zu. Zur Unterbringung hat die Gemeinde das Gelände an der Grenzsägmühle erworben und in der vergangenen Gemeinderatssitzung eine mobile Einrichtung für 40 Personen beschlossen. Weitere, möglichst dezentrale Unterbringungsmöglichkeiten würden geprüft. In diesem Zusammenhang appellierte Bochinger daran, Vorurteile abzubauen und den Asylbewerbern offen zu begegnen. Die bisherigen Erfahrungen seien durchweg positiv, Straftaten wären nicht gemeldet worden.

Für den ökumenischen Arbeitskreis Flüchtlinge unterstrich Pfr. Günther Wacker die besondere Verantwortung der Christen, sich Fremden zuzuwenden, und zitierte Jesus Christus: "alles was ihr meinen geringsten Brüdern getan habt, habt ihr mir getan". Konkret engagiert sich der Arbeitskreis bei Besuchen, Behördengängen, Sprachkursen und Kindergärten, informiert aber auch die Bevölkerung, z. B. beim Straßenfest in Ellmendingen. In seinem Fazit verschwieg Pfr. Wacker nicht die mit der Flüchtlingsarbeit verbundenen Herausforderungen, betonte aber auch die guten Erfahrungen, die persönlich bereichern und dazu einladen, Grenzen und Vorurteile zu überwinden.

In der anschließenden, teilweise lebhaft und emotional geführten Diskussion kamen zwar auch kritische und ablehnende Stimmen zu Wort, die Ängste und Sorgen ausdrückten. Insgesamt überwog aber bei den Teilnehmern die Meinung, nicht zuletzt aus einem christlichen Verständnis heraus helfen zu wollen und diejenigen, die Schutz benötigen, bei uns aufzunehmen und zu integrieren. Das häufig angeführte Vorurteil einer hohen Zahl von Straftaten widerlegte Blechinger anhand der Kriminalität Statistik, die keine Auffälligkeiten im Vergleich zur deutschen Bevölkerung zeigt. Um eine "Ghettobildung" zu vermeiden, ist die dezentrale Unterbringung sinnvoll, wie sie von der Gemeinde Keltern angestrebt wird.

Fazit: ein interessanter und aufschlussreicher Abend.

Peter Flachenecker
13. Juli 2015

 

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Podiumsteilnehmer v.l.: Bärbel Storz, Moderation; Pfr. Günther Wacker, Arbeitskreis Flüchtlinge;
Steffen Bochinger, Bürgermeister Keltern; Luisa Uhl und Nassim Alizadeh, "miteinanderleben e.V."
sowie Jürgen Blechinger, Referent für Migration und Islamfragen, Diakonisches Werk Baden
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Interessierte Zuhörer während der Vorträge und Diskussionen
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Diskussionen untereinander nach den Vorträgen

 


Links:


Jürgen Blechinger, Referent für Migration und und Islamfragen

miteinanderleben e.V. Pforzheim

Der Arbeitskreis „Flüchtlinge in Keltern“ stellt sich vor